Michael Pfennig

Texte zum Denken, Lachen und Weinen

Kurzgeschichten · 15. August 2026

Pufferkapazität

Ein Puffer ist ein System, das so tut, als passiere nichts.

Simon erklärte das seit fünfzehn Jahren den Neuen im Labor, und die meisten hielten es für einen Merksatz und gingen gleich zu den Protokollen weiter. Dabei ist es die Stelle, an der sich alles entscheidet. Man gibt Säure dazu, tropfenweise, und der pH bleibt. Man gibt mehr dazu, und er bleibt immer noch. Man kann sehr lange sehr viel hineingeben und bekommt als Antwort eine Nachkommastelle.

Die Kurve dazu sieht aus wie eine Gerade. Man hält das für Stabilität, und es ist auch eine — nur eine geliehene.

Der zweite Satz war der, bei dem sie aufsahen: Der Tropfen, bei dem es kippt, ist derselbe wie alle vorher. Er kommt nur später.

Dann widersprachen sie meistens, und Simon konnte gut verstehen, warum. Wer einen Prozess führt, will wissen, woran er ist, und der Satz nimmt einem genau das. Keine Ankündigung. Kein besonderer Tropfen. Nur irgendwann eine senkrechte Kurve. Wissen, das einen nicht sicherer macht, sondern nur unsicherer.

· · ·

Der Zug fuhr um 15:04, und Simon fuhr mit zwei Adressen.

Die eine gehörte einem Mann, mit dem er seit vier Tagen schrieb und den er noch nie gesehen hatte. Dort sollte er die nächsten vier Nächte verbringen.

Die andere war eine Ferienwohnung, sechzig Euro die Nacht. Er hatte sie am Abend zuvor gebucht, ohne lange nachzudenken, so wie man einen Regenschirm einpackt, und seit Mittag ließ sie sich nicht mehr stornieren.

Er hatte sie erwähnt. Das war der Fehler gewesen, oder vielleicht auch nicht — je nachdem, was man messen wollte.

· · ·

Kurz nach Bielefeld kamen die Nachrichten.

What apartment

Are you joking?

So all of this was just a game for you

Simon sah aus dem Fenster. Draußen zog eine Reihe von Windrädern vorbei, alle in derselben Drehrichtung, was ihn jedes Mal aufs Neue beruhigte, ohne dass er hätte sagen können, warum.

Er tippte: No lack of trust. The contrary — I didn't have to tell you and I did.

Drei Punkte. Weg. Drei Punkte.

Cancel it. Even if you lose the money.

Zwölf Sekunden später:

I trust 100%. When someone reduces that, I automatically reduce too.

Simon las den Satz zweimal. Er war interessant gebaut. Er sah aus wie ein Gefühl und funktionierte wie eine Klausel.

Und darunter lag noch etwas. Der Satz beschrieb einen Ausgleich: Du nimmst weg, ich nehme weg, dann bleibt alles, wie es war. So halten sich Systeme stabil, und es ist ein völlig vernünftiges Prinzip.

Nur hatte Simon nichts weggenommen.

Ausgeglichen wurde also etwas, das nicht stattgefunden hatte. Das stabilisiert nicht, das verschiebt. Und von jetzt an würden beide etwas messen, und beide würden etwas anderes darin lesen.

· · ·

Kurz darauf schrieb Martin.

Gut losgekommen? Hab die Küche gemacht.

Die Nachricht war freundlich. Sie war so freundlich, dass nichts darin stand.

Am Morgen hatte Martin Rührei gemacht, obwohl Simon um sieben nie etwas essen konnte, und hatte dabei aus dem Fenster gesehen und gesagt, er habe im Urlaub einiges verstanden.

Simon hatte gewartet.

„Zum Beispiel, dass ich gern Zeit mit dir verbringe.“

Die Pfanne zischte. Draußen zog jemand eine Mülltonne über den Hof, ein Geräusch, das lange dauerte.

Simon hatte überlegt, was man darauf antwortet, wenn man vierzehn Jahre verheiratet ist. Ihm war eingefallen: Das ist schön. Er hatte es nicht gesagt, sondern genickt, was Martin nicht sehen konnte, weil er am Herd stand.

„Und dass ich weiterhin nicht vorhabe, das hier zu beenden.“

Er hatte die Pfanne vom Feuer genommen und sich umgedreht, und dabei hatte er ausgesehen wie jemand, der gerade etwas Großzügiges gesagt hat.

Simon war der Gedanke gekommen, bevor er ihn hatte aufhalten können: Das ist eine Beobachtung, keine Auswertung.

Er schrieb zurück: Alles gut. Bis Dienstag.

· · ·

I can understand your concern, schrieb er in den Zug hinein. You feel that if there is another place for me, I am less dependent on you. And that worries you. Am I right?

Absolutely, kam zurück, sofort, ohne Zögern.

Und dann, eine Minute später:

Until last night everything was perfect.

Simon legte das Telefon mit dem Display nach unten auf den Klapptisch.

Es war nicht Ärger, was er empfand. Es war eher das, was er empfand, wenn er in einem fremden Protokoll die Zeile fand, in der jemand einen Wert notiert hatte, den es nicht geben konnte: eine Art traurige Präzision. Da war jemand, der so wenig Boden unter sich hatte, dass eine Ferienwohnung ihn kippen ließ.

· · ·

Bei Hannover kam ein Foto.

Es zeigte ein frisch bezogenes Bett, der Bezug weiß, die Falten noch scharf vom Schrank. Darunter stand: for you.

Simon sah sich Fotos an wie Verlaufskurven: erst die Ränder, dann die Achsen, dann die Einheiten. Was in der Mitte passiert, versteht man ohnehin erst, wenn man weiß, worin gemessen wird. Links im Bild stand ein Wäscheständer, auf dem Sachen hingen, die dort so lange gehangen haben mussten, dass sie die Form der Bügel angenommen hatten. Dahinter zwei Kartons, deren Klebeband sich an den Ecken gelöst hatte. Am unteren Bildrand ein Stück Fußleiste, an der der Staub eine Kante gebildet hatte, wie er sie nur bildet, wenn lange niemand dort saugt.

Simon schrieb: Looks beautiful.

Und dann kam es, ganz kurz und vollkommen unmissverständlich: Wärme.

Er sah sein Spiegelbild in der Scheibe und stellte fest, dass er lächelte.

Er hörte sofort damit auf. Aber er hatte es gesehen.

· · ·

Was ihn daran erwischte, war nicht, dass es geschah. Es war, dass er die Bewegung kannte.

Im Frühjahr hatte Martin drei Tage mit Grippe im Bett gelegen und nichts allein gekonnt, und Simon war jeden Abend nach Hause gefahren mit etwas in der Brust, für das es kein Wort gab und das man am ehesten mit wichtig umschreiben konnte. Er hatte es damals für Zuneigung gehalten. Es war aber eine Antwort gewesen. Auf eine Frage, die niemand je gestellt hatte und die trotzdem seit seiner Kindheit offen war.

Gebrauchtwerden beantwortet sie sofort. Das ist der ganze Trick daran. Es ist die einzige Form von Zuwendung, die sich überprüfen lässt, weil man ihre Abwesenheit augenblicklich bemerken würde.

Und deshalb sucht man sich Leute, an denen sie überprüfbar ist.

· · ·

Er schrieb den Text dreimal und löschte ihn zweimal.

Der erste Entwurf war zu erklärend. Er enthielt einen Absatz, in dem Simon herzuleiten versuchte, was am Vormittag schiefgegangen war — als wäre er dafür zuständig, den Zustand eines anderen aufzuklären.

Der zweite war zu weich. An drei Stellen stand maybe und an zweien I hope this is okay for you, und beim zweiten Lesen sah er, dass er darin um Erlaubnis bat für etwas, das keiner Erlaubnis bedurfte.

Der dritte war kurz.

I'm very much looking forward to you. What happens between us is yours to decide, from the moment I'm with you.

Not included: how I travel, how I handle my health, and what safety I arrange for myself. That stays with me.

From your door on, you're in charge.

Auf Englisch ging es leichter. Die Sätze gehörten ihm nicht ganz, deshalb konnte er sie härter machen.

Er las sie viermal und schickte sie ab und merkte, dass sein Puls schneller ging, was ihn ärgerte, weil nichts darin stand, das nicht selbstverständlich gewesen wäre.

Die Antwort kam nach elf Minuten. Sie war freundlich. Sie widersprach nicht, sie stimmte nicht zu, sie erwähnte den mittleren Absatz mit keiner Silbe. Sie handelte von Vertrauen, von Ehrlichkeit und davon, wie viel bis zu seiner Ankunft noch zu erledigen sei.

Zugestellt, dachte Simon. Nicht angekommen.

· · ·

Zwischen Stendal und Spandau wurde es dunkel, und er dachte an das Haus.

Es war ein gutes Haus. Zwei Wohnungen, eine vermietet, Garten hinten raus. Sie hatten die Küche zweimal umgebaut und vierzehn Jahre darin gelebt, und in diesen vierzehn Jahren war nie etwas passiert, was man hätte erzählen müssen.

Er hatte das lange für Frieden gehalten.

Es war aber kein Frieden gewesen, sondern Kapazität. Man kann sehr viel in ein System geben, das gut puffert, und es antwortet nicht. Nicht weil nichts ankommt. Sondern weil da etwas ist, das es abfängt, und dieses Etwas war er gewesen, jeden Tag, ohne dass jemals jemand das Wort dafür gesucht hätte.

Und dann der zweite Gedanke, der immer hinterherkam wie ein zu spät bemerkter Fehler in der ersten Zeile: Wenn er alles, was er brauchte, inzwischen woanders unterbrachte — was genau puffert man dann eigentlich noch, und wofür?

· · ·

Der Zug wurde langsamer. Draußen liefen die Lichter zusammen, Bahnsteige, Werbetafeln, dann die Ansage.

Simon nahm seine Tasche und ging in den Vorraum, wie immer drei Minuten zu früh, weil er nicht gern in der Schlange stand.

Am Glas die üblichen Piktogramme, und in der Mitte der Tür der Knopf mit dem grünen Ring, der noch nicht leuchtete.

Er dachte an nichts Besonderes. Er dachte daran, dass er gleich einen Mann treffen würde, der ihn ziemlich sicher enttäuschen und ziemlich sicher trotzdem gut sein würde, und dass es eine Wohnung gab, die er vermutlich nicht brauchte und in der er vielleicht schlafen würde.

Und dann, als der Zug stand und der Ring anging und alle warteten, fiel ihm ein, dass er seit Monaten sagte, er sei bereit.

Zu sich. Immer nur zu sich. Im Auto, unter der Dusche, kurz vorm Einschlafen.

Es stimmte auch. Er stand hier mit der Tasche in der Hand, gepackt, entschieden, angekommen, alles.

Der Knopf ging trotzdem nicht von allein.

Und Simon sah ihn an, diesen dummen grünen Ring, und begriff, worauf er die ganze Zeit gewartet hatte: auf den einen Tropfen, der anders ist als alle vorher. Der sich ankündigt. Bei dem man weiß, dass er es ist.

Den gibt es nicht. Man sieht es hinterher an der Kurve.

Hinter ihm sagte jemand: „Geht die auf?“

„Ja“, sagte Simon.

Dann drückte er, und die Tür ging auf, und er stieg aus.

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