Michael Pfennig

Texte zum Denken, Lachen und Weinen

Kurzgeschichten · 20. August 2026

Erneuerbare Energien

Isaias wurde von einem Gedanken geweckt. Woran er gedacht hatte, wusste er nicht mehr, nahm aber wahr, dass er zu Hause war und in seinem eigenen Bett aufwachte. Nach dem Urlaub fühlte sich das beruhigend normal für ihn an und er merkte gleichzeitig wie unruhig er war.

Es war noch früh aber schon hell, und er fühlte sich nicht mehr müde. Die Katze wartete schon darauf, dass sich jemand regte und beobachtete genau. Sofort sprang sie ins Bett und machte auf sich aufmerksam, wie jeden Morgen, wenn man eigentlich ausschlafen konnte.

Weil die Sommerferien noch nicht zu Ende waren, war der Radiowecker im Schlafzimmer immer noch vom Strom getrennt und er wusste nicht, wie spät es war. Es hatte in der Nacht wohl geregnet und es war noch bedeckt, so ließ sich die Tageszeit schwer schätzen.

Er stand auf, machte das Fenster auf und holte sich einen Kaffee. Nathan schlief noch neben ihm und regte sich nicht.

Isaias hing seinen Gedanken nach und versuchte sich zu erinnern, welcher es gewesen sein könnte, der ihn geweckt hat.

· · ·

„Energie kann weder erzeugt noch vernichtet werden, sondern nur umgewandelt.“

Seine Schüler schrieben es auf und lernten diesen und die anderen Merksätze irgendwann auswendig, weil sie im Test drankamen, und darin wollten sie gut sein.

Sie begriffen ihn aber nicht, zumindest nicht ganz. Isaias merkte es inzwischen sehr verlässlich. Und dann war das auch nur die halbe Wahrheit, dann ergänzte er: „Die Gesamtenergie in einem abgeschlossenen System ist immer konstant.“

Sie rezitierten alles, brav, wann immer es von ihnen gefordert war, und es sah jedes Mal so aus, als verstünden sie, worum es geht. Damit ließen sie sich verlässlich und beliebig oft abprüfen, und verstanden ihn trotzdem nicht. Sie verstanden nicht, was ein abgeschlossenes System bedeutet – egal mit welchen Beispielen Isaias versuchte, das zu veranschaulichen, ohne die Domäne der bloßen Schulphysik dafür zu verlassen.

· · ·

Für den Abend haben sie sich zu einem Gespräch verabredet. Am Abend zuvor war es noch wie immer, als sie zusammen am Küchentisch saßen und Tee tranken, um sich über den Urlaub zu unterhalten.

„Es hat ja alles gut geklappt.“

„Ja, und die Unterkunft war echt nett“

„Genau, und die Verbindungen waren ja auch sehr verlässlich“

„Naja, meistens“

„Bis auf das eine Mal“

„Ja, du hast recht. Und das Essen war gut!“

„Ja, für jeden was dabei“

„Ist was?“

Isaias hat einen Moment lang nicht aufgepasst und seinen Einsatz verpasst. So, als hätte er den Ball nicht getroffen, der ihm zugespielt wurde. Zu spät reagiert. Dabei kannte er das Spiel und er spielte es seit Jahren schon im Schlaf. Immer dasselbe Muster: verlässlich, unauffällig, unverfänglich.

Die Dynamik eingeschliffen, wie sie sich nach 14 gemeinsamen Jahren einschleift, wenn man die Bewegung gleich behält.

Kinetik, dachte er, beiläufig; Reibung erzeugt Wärme, und ertappte sich dabei, sich zu fragen, ob es in seiner Ehe an Reibung fehlt, dass sie sich manchmal so kühl anfühlte.

„Sag mal, was hat dir an diesem Urlaub am besten gefallen? Hattest du an irgendeiner Stelle eine besondere Erkenntnis?“

Er stellte diese Frage und merkte sofort, dass ihm warm wurde, nicht, weil er seine Frage bereute, sondern weil er spürte, dass er mit dieser Frage für Reibung sorgte und sich das Gespräch verlangsamte.

Nathan schaute Isaias überrascht an und nahm einen langen Schluck aus seiner dampfenden Tasse. „Das ist eine spannende Frage, da müsste ich wohl länger drüber nachdenken, wie ist es mit dir?“

„Sage ich dir gleich. Was wäre es für dich, ganz konkret, ganz spontan.“

Nathan dachte nach und sah sich im Raum um, wie jemand, der eine Aufgabe zu lösen versucht und sicher gehen will, kein Detail zu vernachlässigen.

Isaias hielt die Stille aus, auch wenn es ihm nicht leichtfiel.

Er dachte selbst kurz mit, wie er wohl reagiert hätte, wenn ihm diese Frage so unerwartet gestellt worden wäre.

Schließlich antwortete Nathan: „Ich glaube, ich habe im Urlaub gemerkt, dass ich gerne Zeit mit dir verbringe.“ Er schaute Isaias dabei zufrieden an. „Und du?“

Isaias stellte seine Tasse ab. Er wusste nicht, was er fühlte, und ob es die Auskunft war, die er erwartet hatte. Er erkannte, dass etwas Nettes darin steckte, und das ärgerte ihn fast schon.

Er war dran, und wusste nicht, was zu antworten. Das Spiel geriet erneut ins Stocken, weil Isaias den zugespielten Ball nicht bediente.

Etwas in ihm leistete Widerstand gegen jeden Satz, mit dem es weitergegangen wäre wie immer.

· · ·

Warum war er so gewesen? Was hat er denn falsch gemacht?

Nathan verstand ihn nicht mehr. Es war doch ein schöner Urlaub gewesen, warum konnte er es nicht einfach dabei belassen und sich darüber freuen? Alles hat wunderbar geklappt, sie hatten zwei Wochen Zeit miteinander verbracht, das schaffen sie im Alltag kaum.

Vor zwei Jahren ungefähr hatte alles begonnen: erst der Sport, dann seine Ernährung. Isaias verkündete irgendwann nur, dass er abends lieber nichts mehr essen wolle, höchstens was Leichtes, angeblich schliefe er davon besser.

Dabei war doch das gemeinsame Abendessen der Teil des Tages, an dem sie ganz verlässlich Zeit miteinander verbracht haben.

Nathan kochte gerne und er kochte gut, und er freute sich, wenn es Isaias schmeckte. Es war immer so gemütlich gewesen, abends gemeinsam vor dem Fernseher zu entspannen und zu essen. Und von heute auf morgen nahm er ihm das weg.

Irgendwie fand er es ja auch gut, dass Isaias neue Impulse setzte, es war spannend und reizvoll, nur ging es viel zu schnell und ohne Absprachen war das ein Abenteuer, auf das sich Nathan weder einlassen konnte noch wollte. Es fühlte sich bedrohlich an.

Nathan ist bei allem mitgegangen, widerwillig zwar, aber er hat sich jedes Mal damit abgefunden und sich damit eingerichtet.

Es hat was verändert in der Beziehung, das nahmen beide wahr und sprachen auch darüber, sie bewerteten es aber unterschiedlich und fanden keinen gemeinsamen Punkt mehr.

Und dass er gerne Zeit mit ihm verbringt, ist eine Erkenntnis, über die er sich freute und die ihn selbst überrascht hat. Was Isaias daran so irritierte, konnte er beim besten Willen nicht verstehen.

· · ·

Es blieb den ganzen Vormittag ruhig. Sie gingen sich aus dem Weg und sprachen sich nicht an.

Erst als Nathan sagte „Ich gehe eine Runde spazieren“ fühlte er, dass das Eis gebrochen war, doch es blieb frostig.

Allein zu Hause zu sein fühlte sich für Isaias wie eine Befreiung an. Den Druck, den er in seiner Brust und in seinem Bauch spürte, löste sich auf.

Er legte sich zurück ins Bett, in dem die Katze döste und auf ihn zu warten schien, ohne ihn aufzufordern oder zu drängen, sondern sich einfach darüber freute, dass er zu ihr kam, zwanglos, willkommen.

Da bemerkte Isaias ein Gefühl, das er gut kannte: Er fühlte sich schuldig und schämte sich dafür, dass er sich schuldig fühlte.

War er etwa schuld daran, dass die Situation zu Hause mit Nathan so angespannt war? Dass Nathan so still war und den Rückzug suchte?

Er hat intensiv daran gearbeitet, diese alten Gefühle zu erkennen und sie zu verorten. Das änderte aber nichts daran, dass sie so verlässlich bei ihm auftauchten, dass er sie als Maßstab annehmen könnte. Und obwohl er wusste, woher diese Gefühle kamen und in der Regel nichts mit der erlebten Situation zu tun hatten, fühlte er sie deutlich.

Die Katze legte sich völlig selbstverständlich in die Kuhle zwischen seinen Oberschenkeln auf den Rücken, streckte alle vier Pfoten von sich und schnurrte leise in einem regelmäßigen Rhythmus lange beim Ausatmen.

Dass dieses kleine Wesen ihm so uneingeschränkt vertraute, bewegte ihn jedes Mal. Ohne sich das in irgendeiner Weise verdienen zu müssen, war Isaias für dieses Tier der einzige Mensch, bei dem er es sich so gut gehen ließ und das völlig unmissverständlich zeigte.

Ein Geben und Nehmen ohne Worte. Austausch von Energie im abgeschlossenen System. So müsste es mit bedingungsloser Liebe doch auch funktionieren, dachte er. Es braucht Vertrauen, Zuversicht und die Annahme, dass Energie nicht verloren gehen kann. Sie bleibt in Bewegung.

· · ·

Nathan zog die Tür hinter sich ins Schloss. Es tat ihm gut aus dem Haus zu kommen, wenn er das Gefühl bekam, die Decke fiele ihm auf den Kopf. Das hatte er in letzter Zeit öfter, und zwar immer dann, wenn er eine Spannung zwischen ihm und Isaias spüren konnte.

Früher sind sie zusammen spazieren gegangen, eine Runde durchs Tal hinter dem Haus oder runter zum Fluss und zurück über den Golfplatz. Sie kauften dieses Haus, mitten im Grün, gut angebunden an die Stadt, und bauten es um. Ein Familienidyll, das sie sich erbauten, als sie noch gemeinsame Ziele hatten.

Auf die Öffnung der Ehe ließ Nathan sich mehr ein als damit einverstanden zu sein, weil er merkte, dass er Isaias wohl sonst verlieren würde, und das wollte er nicht.

„Wenn du mich vor die Wahl stellst zwischen mir und dir, entscheide ich mich für mich“, hatte Isaias damals auf der Wanderung zu ihm gesagt.

Inzwischen fragte er sich immer öfter, ob das nicht ein guter Zeitpunkt gewesen wäre, seinem ursprünglichen Impuls zu folgen und die Ehe zu beenden.

Gleichzeitig merkte er, dass er die Beziehung immer noch nicht beenden wollte und Isaias immer noch, und – wie es in ihren Eheringen eingraviert: „trotz allem“ – liebte. Es war aber anders als früher und er wusste nicht, ob dieses Anders ein Weniger war, das er nur noch nicht erkannte.

Was er merkte, war, dass ihm etwas fehlte, von dem er früher ausgegangen war, dass es so selbstverständlich ihm gehörte, dass er es nie hinterfragt hat.

· · ·

Er musste eingeschlafen sein. Er merkte es daran, dass er sich selbst schnarchen hörte, und daran, dass die Katze noch dalag und schnurrte.

Und daran, dass der Gedanke wieder da war. Derselbe, der ihn am Morgen geweckt hatte.

In einem abgeschlossenen System bleibt die Energie konstant. Der Satz stimmt. Er stimmt nur unter einer Bedingung, die niemand mitspricht: dass jemand vorher festlegt, was dazugehört.

Wenn im beobachteten Bereich etwas verschwindet, ist es nicht verschwunden. Dann hat man die Grenze falsch gezogen.

Isaias lag da und musste schmunzeln. Er unterrichtete das seit 15 Jahren.

Nathan rechnete mit einem abgeschlossenen System. Er selbst nicht. Beide maßen richtig und kamen auf verschiedene Ergebnisse, weil sie verschiedene Grenzen gezogen hatten.

Und die Auskunft, dass jemand gern Zeit mit einem verbringt, sagt nichts über einen Fluss.

Sie ist ein Kontostand.

· · ·

Nathan hatte eine große Runde in der frischen Luft hinter sich und kam mit einem beklemmenden Gefühl nach Hause zurück. Was ihn zu Hause erwarten würde, konnte er schon lange nicht mehr vorhersehen.

Er versuchte sich nichts anmerken zu lassen und gab sich Mühe, gelassen zu wirken, als er die Wohnung betrat. Zu Hause war es ruhig. Als er die Tür hinter sich zudrückte, stand Isaias in der offenen Küche und sah verschlafen aus.

„Da bist du ja. Soll ich uns einen Tee machen?“, fragte ihn Isaias.

„Da bin ich ja. Du ja auch. Gerne.“

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